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Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk: Aus der Geschichte lernen? Umkämpfte Narrative

Die bundesdeutsche Erinnerungspolitik ist umkämpft wie lange nicht: Die öffentliche Erinnerung an die Shoah wird regelmäßig in Frage gestellt, ein Bundestagsabgeordneter tut den Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte ab. Auch innerjüdisch werden konfligierende historische Narrative und deren erinnerungspolitische Repräsentanzen ausgehandelt. Mit neuer Brisanz stellen sich die alten Fragen: Was und vor allem wie können wir aus der Geschichte lernen? Was bedeutet die (Um)Deutung der Geschichte und die Durchsetzung konkurrierender, „alternativer“ historischer Narrative für Gegenwart und Zukunft unserer Demokratie? Diesen Fragen soll anhand von historischen und zeitgenössischen Quellen nachgespürt werden.

Die bundesdeutsche Geschichtspolitik und Erinnerungskultur sind umkämpft wie lange nicht: Der mühsam erreichte gesellschaftliche Konsens, dass das Gedenken an die Shoah und die nationalsozialistischen Verbrechen ebenso Teil der Staatsraison und des deutschen Selbstverständnisses sind wie die Solidarität mit dem Staat Israel, scheint zunehmend aufzuweichen. Mit der AfD ist eine Partei im Bundestag (und allen Prognosen nach bald auch in allen Landesparlamenten) vertreten, die die öffentliche Erinnerung an die Shoah immer wieder in Frage stellt und den Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte abtut. Auch die sogenannte „Mitte der Gesellschaft“ bezieht sich mit Nachdruck und häufig unkritisch auf Begriffe wie „Heimat“ und „Volk“. Gleichzeitig sind bei den kritischen Beobachter*innen dieser diskursiven Verschiebungen und des Erstarken des Rechtspopulismus in Deutschland die Vergleiche mit der Spätphase der Weimarer Republik schnell bei der Hand.

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland steht dabei vor einer besonderen Herausforderung: Zum einen muss den die Shoah und den Nationalsozialismus verharmlosenden Stimmen ein starkes Gegennarrativ gegenübergestellt werden. Zum anderen sind in Folge der Einwanderung von ca. 300.000 Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in den 1990er Jahren auch innerjüdisch konfligierende historische Narrative und Deutungen und deren erinnerungspolitische Repräsentanz auszuhandeln.

Diese umkämpften historischen und erinnerungspolitischen Narrative sollen im Rahmen des geplanten Seminars des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks untersucht und folgende Fragen diskutiert werden: Was und vor allem wie können wir aus der Geschichte lernen? Was bedeutet die (Um)Deutung der Geschichte und die Durchsetzung konkurrierender, „alternativer“ historischer Narrative für die Gegenwart und die Zukunft unserer Demokratie?

In den Workshop-Einheiten werden die Teilnehmenden gemeinsam mit renommierten Akademiker*innen, zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und Repräsentant*innen der Medien anhand ausgewählter historischer und zeitgenössischer Dokumente und Texte die aufgeworfenen Fragen bearbeiten. U. a. sollen biografische Zeugnisse von NSDAP-Mitgliedern aus dem Jahre 1934, erhoben vom Soziologen Theodore Fred Abel im Rahmen eines „wissenschaftlichen Preisausschreibens“, gemeinsam mit Schilderungen von Jüdinnen und Juden aus derselben Zeit, die vom Leo Baeck Institute New York archiviert und zur Verfügung gestellt werden, untersucht und die darin dargestellten historischen Narrative und Deutungen der politischen und gesellschaftlichen Krise analysiert werden.

Weitere Informationen und Seminarleitung

Bereitschaft zu umfassender Lektüre und zur Vorbereitung zeitgenössischer und historischer Quellentexte im Vorfeld des Seminars

Seminarleitung

Dipl. Pol. Lara Hensch, Referentin für Studierendenförderung des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks. Studium: Politikwissenschaften und Holocaust Communication in Berlin und Amsterdam; Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte: Geschichte der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, Geschlechter-, insbesondere Männlichkeitsforschung, Rechtspopulismus und Neue Rechte in Deutschland und Europa.

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