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Rosa-Luxemburg-Stiftung: „Demokratie – Imperiale Lebensweise – Degrowth“

Demokratische Teilhabe, Rechtsstaatlichkeit und soziale Standards funktionieren in den Kernstaaten des kapitalistischen Weltsystems nur auf Grundlage eines immensen, wenn auch äußerst ungleich verteilten Wohlstands, der auf Kosten der großen Mehrheit der Weltbevölkerung geht. In unserem Seminar werden wir uns zum einen mit sozialwissenschaftlichen Ansätzen beschäftigen, die diese „Externalisierung“ der sozialen und ökologischen Kosten unseres Lebens in Regionen des Globalen Südens untersuchen. Zum anderen werden wir uns mit Aktivist*innen treffen, die sich in verschiedenen Kontexten für demokratische Gegenentwürfe stark machen.

Demokratische Teilhabe, Rechtsstaatlichkeit und soziale Standards, denen im Westen eine lange Tradition seit der Französischen und der Amerikanischen Revolution zugeschrieben werden, funktionieren in den Kernstaaten des kapitalistischen Weltsystems nur auf Grundlage eines immensen, wenn auch äußerst ungleich verteilten Wohlstands, der auf Kosten der großen Mehrheit der Weltbevölkerung geht. Die gegenwärtige, in mehr als fünfhundert Jahren und unter Zuhilfenahme von Kolonialismus und Sklaverei geschmiedete Weltwirtschaftsordnung verstetigt die globalen Ungleichgewichte, indem sie eine auf ungleichem Tausch basierende internationale Arbeitsteilung in verschiedenen Systemen politischer Kontrolle und transnationaler Abhängigkeit institutionalisiert. Der Energie- und Ressourcenhunger der entwickelten Industrie- und Technologienationen befeuert weltweit nicht nur Kriege, sondern ist auch Hauptverursacher des folgenreichen Klimawandels. Diese Effekte „unserer“ Art zu Wirtschaften erzwingen massenhafte Flucht aus ökonomisch, sozial und ökologisch oftmals dauerhaft verwüsteten Landstrichen.

Die „Externalisierung“ der sozialen und ökologischen Kosten unseres Lebens in Regionen des Globalen Südens (Stephan Lessenich) wird in den Zentren der kapitalistischen Weltwirtschaft gern geleugnet oder ignoriert – nicht zuletzt, weil zehntausende im Mittelmeer Ertrunkene nicht nur einem ruhigen Gewissen, sondern dem politischen Selbstbild vieler europäischer Demokratien entgegenstehen. Dennoch ist klar zu erkennen: Der Kapitalismus und die neoliberale Globalisierung haben verheerende Folgen. Daran trägt Deutschland als eine ihrer Führungsmächte maßgeblich Verantwortung. Die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen auf diesem Planeten, das Befeuern kriegerischer Konflikte durch Waffenexporte, die Ausplünderung noch der letzten Ressourcen in Ländern des Globalen Südens hat nicht nur mit Migration und Flucht, sondern auch mit Tod auf der Flucht beziehungsweise der Ankunft Hunderttausender in Europa zu tun – zeitigen also ganz konkrete Folgen dort wie hier.

Vielerorts lassen die globalen Ausbeutungsverhältnisse und ihre Folgen rassistische Modi der Besitzstandswahrung aktiv werden. Das Erstarken rechter und neofaschistischer Parteien rund um die Welt korrespondiert so mit dem militarisierten Abwehrkampf gegen Geflüchtete und negiert deren Menschenrechte. Im Inneren der Festung Europa sind Rechtsruck, massive Einschränkungen der Bürger*innen- und Menschen-, der Grund- und Freiheitsrechte sowie der Abbau sozialer und über Jahrzehnte erkämpfter menschenrechtlicher Standards zu beobachten. Der auch inneren Militarisierung der (Wohlstands-)Abschottungspolitik und den wieder häufiger ausbrechenden Kriegen können wir nur entgegenwirken, wenn wir Demokratie neu denken: als Emanzipation aller Menschen weltweit durch Überwindung des „alternativlos“ dominanten, aber sich selbst untergrabenden Wirtschaftssystems. So weitermachen wie bisher können wir nicht. Im Rahmen des Seminars möchten wir uns deshalb mit „imperialen Lebensweisen“ (Ulrich Brand / Markus Wissen), ihren globalen, aber eben auch sehr unmittelbaren Folgen – Demokratieabbau, Überwachung, gesellschaftlicher Rechtsruck – sowie politischen Gegenentwürfen beschäftigen und uns mit Aktivist*innen und Initiativen in ihren aktuellen Kämpfen treffen.

Weitere Informationen und Seminarleitung

Literatur:

Brand, Ulrich; Wissen, Markus: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus, München, 2017.
Konzeptwerk Neue Ökonomie e.V.; DFG-Kolleg Postwachstumsgesellschaften (Hgg.): Degrowth in Bewegung(en). 32 alternative Wege zur sozial-ökologischen Transformation, München, 2017.
Lessenich, Stephan: Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis, München, 2016.

Ablauf:

27.08.2019: Judith Schwarz, Nicolas Drexel: Kennenlernen und inhaltlicher Einstieg
28.08.2019: Aktionsnetzwerk „Ende Gelände“: „Klimagerechtigkeit und Ökologie“
29.08.2019: Prof. Dr. Markus Wissen, Dr. Matthias Schmelzer: „Externalisierung, Imperiale Lebensweise, DeGrowth“
30.08.2019: Dr. Dennis Eversberg: „Imperiale Lebensweise und autoritärer Nationalismus“
31.08.2019: Lucius Teidelbaum: „Rechte Burschenschaften in Heidelberg“
01.09.2019: Cornelia Gunßer: „Migration, Fluchtursachen, Europäische Abschottungspolitik“

Seminarleitung: Judith Schwarz und Nicolas Drexel

Judith Schwarz hat Kulturwissenschaft, Philosophie und Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert. Sie ist als Teamerin und als Trainerin bundesweit in der gewerkschaftlichen Jugend- und Erwachsenenbildung aktiv.

Nicolas Drexel hat Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität studiert. Er ist Wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration der Europa-Universität und in der politischen Erwachsenenbildung aktiv.

Das Aktionsnetzwerk „Ende Gelände“ führt alljährlich Großaktionen des zivilen Ungehorsams für Klimagerechtigkeit und Klimaschutz durch; so z.B. im Oktober 2018 mit mehreren tausend Aktivist*innen im Hambacher Forst und in anderen Gebieten des Rheinischen Braunkohlereviers.

Markus Wissen ist Professor für Gesellschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt sozial-ökologische Transformationsprozesse an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Er beschäftigt sich u.a. mit der sozial-ökologischen Transformation von Produktions- und Konsummustern, mit Krise und Transformation der gesellschaftlichen Naturverhältnisse und mit nachhaltiger Stadt- und Regionalentwicklung.

Matthias Schmelzer arbeitet beim Konzeptwerk Neue Ökonomie und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er ist seit Jahren in der globalisierungskritischen und Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv, u.a. bei „Ende Gelände“ und „Am Boden bleiben“. Er beschäftigt sich mit der Geschichte von Kapitalismus und Klima, mit Degrowth und mit sozialen Bewegungen.

Dennis Eversberg ist Leiter der Nachwuchsgruppe „Mentalitäten im Fluss“ (flumen) am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena und war bis 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter am DFG-Kolleg „Postwachstumsgesellschaften“. Zuletzt arbeitete er u.a. zu Subjektivierungsweisen und sozial-ökologischen Konflikten im flexiblen Kapitalismus, zur Gefahr einer rechten Vereinnahmung des Postwachstumsansatzes und zum Verhältnis von Prekarität und Solidarität bei jungen Beschäftigtengruppen.

Lucius Teidelbaum ist freier Journalist, Publizist und Rechercheur zum Thema extreme Rechte und anliegende Grauzonen. Von ihm sind unter anderem „Braunzone Bundeswehr. ‚Rechtsum‘ in der Männertruppe“ (2012), „Obdachlosenhass und Sozialdarwinismus“ (2013) und „PEGIDA. Die neue deutschnationale Welle auf der Straße“ (2016) erschienen.
Cornelia Gunßer ist seit vielen Jahren im Flüchtlingsrat Hamburg aktiv, seit 2009 im transnationalen Netzwerk „Afrique-Europe-Interact“ und seit 2014 beim Watch the Med Alarmphone.

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