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Casanuswerk: Die Demokratie retten? Zum Verhältnis von Medien und Gesellschaft

„Unterwegs um die Demokratie zu retten?“. So spottete ein altgedienter Parlamentskorrespondent über Kollegen, die sich zu wichtig nehmen. Doch klingt dies heute nicht anders, ein Funke mehr Wahrheit als Spott? Wie steht es also um die Pressefreiheit? Werden Medien noch als wesentlicher Faktor demokratischer Gesellschaften betrachtet? Diesen und weiteren Fragen geht dieses Seminar aus theoretischer wie praktischer Sicht auf den Grund.

„Unterwegs um die Demokratie zu retten?“. So spottete ein altgedienter Parlamentskorrespondent über Kollegen, die sich zu wichtig nehmen. Sein Rat an angehende Journalistinnen und Journalisten: auf dem Boden der Tatsachen bleiben – und möglichst gut, möglichst objektiv, möglichst eindringlich berichten. Die Fakten sprechen lassen, sich nicht selbst zum Heilsbringer erklären. In anderen Worten: Nimm Dich nicht so wichtig.

Eine heilsame Lehre für angehende Journalistinnen und Journalisten. Zumindest damals. Heute klingt sie noch etwas anders, ein Funke mehr Wahrheit als Spott. Die Entwicklungen in Polen, in der Türkei, in Ungarn zeigen deutlich, welchen Stellenwert Pressefreiheit hat – und was Journalist*innen alles auf sich nehmen, um schreiben, um veröffentlichen zu können. Im Europa des 21. Jahrhunderts ist Pressefreiheit alles andere als selbstverständlich. Aber auch ein Blick in die USA zeigt, dass Medien nicht mehr automatisch als wesentlicher Faktor einer demokratischen Gesellschaft betrachtet werden. Seit Donald Trump Präsident ist, werden Journalistinnen und Journalisten, aber auch ganze Redaktionen und Sender als Fake-News diskreditiert. Gleichzeitig geben die so beschimpften Redaktionen mehr Geld für Recherche aus, sind auch die Leser*innen und Nutzer*innen eher bereit, Geld für Journalismus auszugeben.

Die Enthüllungen um die Fälschungen des vermeintlichen Starreporters Claas Relotius haben die Diskussionen weiter angeheizt: Beschreibt Journalismus Wirklichkeit oder biegt er sie zurecht? Wie sehr bestimmt der Blickwinkel des Berichtenden das Bild, das er oder sie zeichnet? Und wie sieht es aus mit den Erwartungen der Redaktionen und des Publikums?

In dem Themenbereich Medien und Demokratie soll es um diese Fragestellungen gehen: Wie funktioniert das Miteinander von Medien und Gesellschaft? Wie wichtig sind Redaktionen und Journalist*innenen im Zeitalter von Sozialen Medien? Wie steht es um die Pressefreiheit – in Deutschland und Europa?

Die ersten beiden Tage stehen im Zeichen der Auseinandersetzung mit den grundlegenden Fragen. Am ersten Tag (Dienstag) werden wir dafür ganz konkret einzelne Artikel und Sendungen analysieren: Machart, Inhalt, Ausspielweg, Leser*innen/User*innen/Zuschauer*innen, Entstehungsbedingungen.

Am zweiten Tag (Mittwoch) weiten wir den Blick auf die Rahmenbedingungen für Journalist*innen und Medien in Deutschland und Europa. Unter welchen Bedingungen arbeiten sie? Welche Rolle spielen Gesetze? Welche der Markt? Und welche die Digitalisierung? In einem Planspiel beschäftigen wir uns exemplarisch mit der Situation in verschiedenen (ost)europäischen Ländern und diskutieren Entwicklungsperspektiven. Wie sieht die Zukunft der Medien aus?

Am Donnerstag steht eine Exkursion nach Mainz zu funk, dem Onlinejugendangebot von ARD und ZDF, auf der Agenda. Florian Hager als Programmgeschäftsführer steht als Gesprächspartner zur Verfügung. Thema des Gesprächs wird die Zukunft der (öffentlich-rechtlichen) Medien sein. Welche Rolle spielen dabei Onlinemedien? Und sind diese ein Beitrag zur Demokratisierung?

Der Freitag und der Samstag der Seminarwoche stehen im Zeichen der Praxis. Unter Anleitung von Angela Kea (Projektmanagerin des Innovationslabs der Deutschen Welle) lernen die Studierenden die Grundbegriffe des „mobile journalism“ – also dem Produzieren für Onlinemedien mit dem Handy. Angesichts der Tatsache, dass Smartphones inzwischen zum selbstverständlichen Alltagsgegenstand geworden sind, ist diese Produktionsmöglichkeit eine Variante, mehr Menschen den aktiven Zugang zu Medien zu ermöglichen. Die Studierenden können in diesen beiden Produktionstagen Videos für den die Veranstaltung begleitenden Blog, aber auch für Facebook- und Instagram Accounts der Werke erstellen.

Der Abschlusstag schließlich steht im Zeichen der Reflexion der Woche. Dazu sind Praktikerinnen und Praktiker aus verschiedenen Medien eingeladen (Benjamin Bidder von Spiegel Online, Joachim Frank von Neven DuMont), die in einem Round-Table-Gespräch mit den Studierenden die Erfahrungen der Woche diskutieren.

Informationen zu den Referent*innen:

Benjamin Bidder hat VWL in Mannheim und Sankt Petersburg studiert und die studienbegleitende Journalistenausbildung des ifp München absolviert. Von 2009 bis 2016 war er in Moskau Korrespondent der Spiegel-Gruppe für Russland und die Ukraine. Er ist Autor des Buchs „Generation Putin“.

Joachim Frank, lic. theol., geboren 1965 in Ulm, studierte Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte in Münster, München und Rom. Von 2009 bis 2011 war er Chefredakteur der Frankfurter Rundschau. Seit 2011 arbeitet er als Chefkorrespondent der DuMont Mediengruppe und ist Mitglied der Chefredaktion des Kölner Stadt-Anzeigers. Kirchenpolitische und theologische Themen sind ein Schwerpunkt seiner Arbeit, für die er vielfach ausgezeichnet wurde. Seit 2015 ist Frank Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP).

Florian Hager ist seit 1. Juni 2015 Programmgeschäftsführer von funk. Er arbeitete nach Studien der Medientechnik, Informatik und Multimedia (HDM Stuttgart) und Publizistik und Filmwissenschaft (Paris/Mainz) zunächst als Redakteur und dann als Referent des ARTE-Präsidenten und Direktors Europäische Satellitenprogramm im ZDF. Im Juli 2009 übernahm er die Projektleitung zum Aufbau der Internetplattform „ARTE Creative“. Zum 1. Januar 2011 wurde er Hauptabteilungsleiter Neue Medien. Im September 2012 wurde er stellvertretender Programmdirektor von ARTE und Hauptabteilungsleiter Programmplanung TV+Web. 

Angela Kea ist freiberufliche Journalistin und Medientrainerin aus Berlin. Seit Anfang 2017 ist sie mitverantwortlich für das Deutsche Welle Lab in Berlin und Bonn. Dort moderiert sie Design Sprints und entwickelt so mit Projektteams journalistische Inhalte für bewährte und neue Technologien (u.a. Sprachassistenten und Augmented Reality). Als Mobile Reporting Trainerin zeigt Angela Kea, wie mit dem Smartphone gefilmt, geschnitten und publiziert wird. Ihr journalistisches Handwerk hat sie bei WeltN24 als TV-Journalistin vor und hinter der Kamera erlernt. Angela Kea war Stipendiatin der Arthur F. Burns (2013) und RIAS US Duke Media (2016) Journalistenprogramme.

Weitere Informationen und Seminarleitung

Wichtig im Vorfeld ist, Zeitungen zu lesen, Fernsehen zu schauen, Radio zu hören und im Netz sich mit den Angeboten von funk auseinander zu setzen. Gern können die Teilnehmenden auch ein eigenes Beispiel für die Debatte am ersten Tag einbringen. Dafür bitte vorher einen kurzen Hinweis an die Seminarleiterin!

Seminarleitung

Prof. Dr. Claudia Nothelle studierte katholische Theologie und Germanistik auf Lehramt an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und promovierte anschließend in Pädagogik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Sowohl während des Studiums und als auch der Promotion war sie Stipendiatin des Cusanuswerks. Parallel absolvierte Claudia Nothelle die studienbegleitende Journalistenausbildung beim Institut zur Förderung publ. Nachwuchses (ifp), München. In den Jahren 1992-2006 war sie als Fernsehredakteurin und Korrespondentin beim MDR u.a. im Landesfunkhaus Thüringen, für das Magazin FAKT, als Inlandskorrespondentin für Tagesschau/Tagesthemen, für das ARD Studio Neu Delhi (Indien, Pakistan und Afghanistan) und als Korrespondentin im ARD Hauptstadtstudio tätig. Von 2006-2016 wirkte sie beim Rundfunk Berlin Brandenburg als Chefredakteurin Fernsehen und als Multimediale Programmdirektorin (TV/Radio/Online). Seit 2018 ist Claudia Nothelle Inhaberin der Professur für Fernsehjournalismus an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

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